Angebot Angebot Angebot

Jeder erste Wunsch, den ein Menschenkind, einerlei ob groß oder klein, reich oder arm, in seinem Leben ausspricht, wird erfüllt und wäre der Wunsch noch so kühn und verwegen. Das wissen aber die Menschenkinder nicht, denn wenn sie es wüssten, würden die besten Wünsche alle hinweggewünscht werden und die geringen übrigbleiben, die doch auch verbraucht sein wollen. Da möchte es ein gar Leichtes sein, zu sprechen: »ich will König werden oder Königin« und es müsste also geschehen.

Wenn Jedermann König wäre, wie es dann wohl in der Welt herginge. Gewiss allzu herrlich.

Und wiederum würde Mancher in zaudernder Unentschlossenheit die rechte Stunde versäumen, bis seine Zeit vorbei oder ein unbedachtes Verlangen die Hoffnungen mit einem Schlage vernichtete, an denen er sich weidete wie der Geizige an seinen Schätzen.

Daher ist es gut, dass die Menschenkinder nicht wissen, wie es sich mit den Wünschen verhält, und sich nicht grämen, wenn sie töricht wählten.

Es kommt aber zuweilen vor, dass der erste Wunsch recht etwas Großes und Schönes begehrt, und dann heißt es von dem Menschen, er habe Glück.

Die Meisten begnügen sich jedoch mit Kleinigkeiten, die ihnen im Augenblicke des Wünschens unschätzbar erscheinen. Eine süße Frucht stellt sie zufrieden oder ein Stück Kuchen ist es, nach dem sie verlangen, und ehe sie sich versehen, wird ihnen der Wunsch gewährt.

Einmal war ein Menschenkind, das hatte noch nie einen Wunsch getan. Der Eltern Zärtlichkeit überhäufte es mit allen Gaben: klein Evchen kannte keinen Mangel, in seinem Herzen schwieg die Begehrlichkeit. Froh verbrachte es die Tage und selbst in der Nacht waren die schönsten Träume sein.

Eines Morgens jedoch, als Eva erwachte und der Sonnenschein in das Schlafgemach hineinsah, um zu fragen, ob sie wieder mit einander spielen wollten, wie gestern und alle Zeit, und die munteren Vöglein von den grünen Weinranken vor dem Fenster mahnten: »Lieb Evchen, wo bleibst Du?« sprang sie nicht wie sonst aus dem Bette, sondern wandte nur ihr blondes Lockenköpfchen den Wartenden zu und gab keine Antwort. »Komm‘ doch, Evchen, komme doch,« drängten die Vögel. Sie aber sprach: »Euch habe ich jeden Tag, Eure Spiele kenne ich auswendig, mein Sinn steht nach etwas Anderem.« – »Rothe Wangen gab ich Dir,« sagte der Sonnenschein, »bist Du damit nicht zufrieden?« – »Fröhlichen Sinn und lustigen Sang hast Du von uns,« riefen die Vögel, »bessere Gaben vermögen wir nicht zu bieten.«

Eva schloß die Augen und sann. Zum ersten Male regte sich das Wünschen in ihrem Herzen, allein so viel sie auch dachte, sie fand nichts Begehrenswertes. Da sprach sie nach einer Weile: »Einen Schatz möchte ich haben, so kostbar, wie nur ein Schatz sein kann.«

Als sie die Augen wieder öffnete, erblickte sie vor sich auf der Decke liegend eine Perlenschnur. Es waren gar viele kleine Perlen, sorgsam aneinandergereiht und kaum zu zählen, »Das ist ein hübsches Spielzeug,« sagte sie und versuchte, die Perlen von der Schnur zu lösen, aber so sehr sie sich auch mühte, wollte ihr doch nur gelingen, eine einzige Perle von den übrigen zu trennen. Das verdross sie, »Wie langweilig sind diese Perlen,« sprach Eva, »ich kann sie Höchstens als Halsband tragen … sonst taugen sie weiter nicht.« Die abgelöste Perle warf sie gleichgültig fort. Es waren ihrer so viele auf der Schnur, dass man das Fehlen der einen nicht bemerkte.

Klein Evchen erhob sich, kleidete sich an, legte die Perlenschnur um ihren Hals und ging hinein zu den Eltern. Es war aber seltsam, dass diese den Schmuck nicht gewahrten, selbst dann nicht, als Eva fragte: »Bin ich heute nicht hübsch?«

Lächelnd sprachen die Eltern: »Die Tage der Kindheit schmücken Dich, Du Liebliche,« – Als Eva das vernahm, erschienen ihr die Perlen werthlos und gering. Sie ging in den Garten hinaus, um den Schmetterlingen nachzujagen und Blumen zu pflücken, wie sie alle Zeit vorher getan. Am Abend, als sie müde war, legte sie sich schlafen und gedachte der Perlenschnur nicht mehr. Als sie jedoch am nächsten Morgen erwachte und nach der Schnur griff, fand sie, dass sich wieder eine Perle losgelöst hatte. Sie nahm die Perle und warf sie den Blaumeisen hin, die in der Rosenhecke Turnübungen machten.

So ging es Tag für Tag. Allmorgendlich fiel eine Perle von der Schnur und Eva kümmerte sich ebenso wenig darum, wie um die vorhergehenden. Bald zertrat sie die abgefallene Perle achtlos oder warf sie in den Bach, der durch den Garten floß, oder ließ sie in den Sand rollen, es war ihr gleichgültig, wo die Perlen blieben und was aus ihnen wurde. – Sie hatte davon genug.

Als ein Jahr vergangen war, schien die Schnur noch ebenso reich mit Perlen besetzt zu sein, wie damals, als klein Evchen sie erhielt, aber wer genau gesehen hätte, der würde wohl bemerkt haben, dass bereits gar manche fehlte.

Wie die Tage, so entschwanden allmälig die Jahre; klein Evchen wuchs heran und wurde größer. Da hieß es, das Spielen müsse ein Ende nehmen, denn es würde einst das Leben kommen, dem sie angehöre, das sei strenge und ernst und werde mancherlei von ihr verlangen: Kenntnisse aller Art, Geschicklichkeit in vielen Dingen und nützliche Fertigkeiten. Das klang herbe und grämlich. »Was ist das Leben?« fragte Eva.

»Ein kostbarer Schatz,« war die Antwort.

»Wann wird es kommen?« fragte sie weiter.

»Du hast es bereits,« ward ihr erwidert, »aber Du erkennst seinen Wert noch nicht. Wenn Du es erkannt hast, wirst Du es schätzen,« – »Das verstehe ich nicht,« entgegnete Eva, »wenn ich das Leben schon habe, wie kann ich es erwarten? Wenn es kostbar ist, warum verlangt es Arbeit von mir und Beschwerde? Lasst mich glücklich sein mit dem Sonnenschein, den Blumen, den Vögeln und den Schmetterlingen.«

Bekümmert suchte Eva die alten Spielkameraden auf, aber es kam ihr vor, als wenn die Sonne nicht so innig strahlte, wie sonst, als wenn die Vögel nicht nach ihr verlangten, und die Blumen weniger würzig dufteten, als an den Tagen vorher. »Zürnt Ihr mir?« rief sie, »Ihr wisst doch, dass ich Euch lieber habe, als das Leben. Seid wieder freundlich zu mir, wie Ihr stets waret, ich schenke Euch alle meine Perlen dafür.«

Bei diesen Worten nahm sie die Perlenschnur von ihrem Halse, und siehe da, mit leichter Mühe vermochte sie die einzelnen Perlen abzulösen, »Diese sind für Dich, Sonnenschein,« rief sie und warf schimmernde Perlen in die Luft. Der Sonnenschein kam und küsste ihre goldigen Locken, »Diese sind für Euch,« rief sie wiederum und streute den Vögeln Perlen hin. Die Vögel kamen und pickten die Perlen auf und umkreisten Eva mit jubelndem Gesange. Wie war das schön, »Ihr Blumen sollt auch nicht leer ausgehen,« rief sie übermütig und säete Perlen auf den grünen, weichen Wiesengrund.

Wohin eine Perle fiel, da sprosste eine wunderbare Blume auf. Der Kelch leuchtete in den herrlichsten Farben und berauschender Duft entströmte den Blüten. Eva brach die Blumen, einen köstlichen Strauß daraus zu winden, aber sie verwelkten ihr unter den Händen. Da zertrat sie die Blumen und achtete ihrer nicht. Der Sonnenschein zog voran, die Vögel lockten sie vorwärts, die Schmetterlinge gaukelten vor ihr auf und Eva folgte ihnen in trunkener Selbstvergessenheit. Bald lag die Wiese hinter ihr, welche an den Garten grenzte, aber unbesorgt eilte sie vorwärts, der Sonne und den Vögeln nach über Felder und Auen, weiter, immer weiter. Es war lustig wie noch nie, so dahin zu ziehen mit den fröhlichen Gesellen und jauchzend warf Eva die Perlen bald hier hin, bald dort hin, »Heia,« rief sie, »kommt und nehmet.«

Plötzlich aber erstarb der Jubelruf auf Evas Lippen. Die letzten Perlen waren von der Schnur gestreift.

Eva machte Halt und sah sich um. Das Haus war verschwunden, der Garten, der das Haus umgab, war nicht mehr da, sie stand allein in einer wildfremden Gegend. Sie kannte weder Weg noch Steg und wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte.

»Bringt mich wieder heim,« sagte sie. – »Ich habe keine Zeit,« antwortete der Sonnenschein, »denn es ist Abend geworden und ich muß ausruhen, um morgen früh die Menschen wieder zu wecken. Das Meer ist mein Bett. Hörst Du es rauschen?«

Eva vernahm ein dumpfes Brausen. »Das ist die Brandung, die Wellen rufen schon nach mir,« sagte der Sonnenschein. »Folge mir bis zu jener Anhöhe, dann kannst Du das Meer sehen.« Die Sonne sank tiefer und berührte bereits den Rand bei Anhöhe, – »Gib uns die letzten Perlen,« sagten die Vögel, »dann führen wir Dich.« Eva streute ihnen die Perlen hin und die Vögel zeigten ihr den Weg.

Als Eva auf der Anhöhe anlangte, erblickte sie das Meer. Weithin dehnte sich die unermessliche Fläche und darüber breitete sich der Schein der untergehenden Sonne flammend aus wie eine Feuersbrunst. Die Wolken färbten sich purpurrot und schwebten wie große riesenhafte Rosen am Himmel.

»Wie schön!« rief Evchen. »Hier wollen wir bleiben.«

»Wir dürfen nicht,« antworteten die Vögel, »wir müssen unser Nest aufsuchen, denn die Nacht bricht herein.« Die Schmetterlinge waren längst verschwunden und hatten Schutz vor dem Abendthau unter den Blättern der Bäume und bergender Kräuter gesucht. »Leb‘ wohl,« riefen die Vögel und erhoben sich in die Luft.

»Die Undankbaren verlassen mich, weil ich keine Perlen mehr zu vergeben habe,« sprach sie leise. »Ob sie morgen wohl wiederkommen?«

»Nein,« sagte eine raue Stimme hinter ihr.

Eva wandte sich um, – Sie erblickte einen Greis in einem langen dürftigen braunen Gewande, das schlotternd die kraftlosen Glieder umhüllte. Wirr hing ihm das Haar, tief lagen die Augen in ihren höhlen.

»Wer bist Du?« fragte sie erschreckt.

»Ich bin das Leben,« entgegnete der Greis, »Du wirst jetzt bei mir wohnen, dort unten am Strande steht meine Hütte.«

Eva wagte kein Wort der Erwiderung. Beklommen folgte sie dem Alten, der ihr gebieterisch winkte. Die Sonne hing tief über die Meere und die Nacht hob ihre Schwingen.

Als sie die Hütte erreicht hatten, öffnete der Alte die Thür. »Tritt ein,« sagte er, – Eva zögerte, denn es sah öde und leer in der Hütte aus, ärmlich und verkommen. »Du musst,« befahl der Greis und zog Eva hinein.

»Wie unfreundlich ist es hier,« sagte sie, »keine liebende Hand waltet in diesem Raume. Ich fürchte mich.«

»Fühlst Du, was ich litt?« entgegnete der Greis. »Auch ich war jung und schön und reiches Gut war mein, doch das Alles nahm die Lieblosigkeit. Alter und Mangel warf sie mir hin: ein bitteres Almosen. Doch nun hat das Leid ein Ende, zum Palast wird die Hütte, jegliche Not schwindet nun, da Du gekommen. Gib mir die Perlen, die einst Dir geschenkt.« Zitternd streckte er die bittende Hand aus.

»Die Perlen?« fragte Eva scheu.

»Jede von ihnen besitzt lösende Kraft. Du hast sie doch treulich aufbewahrt?« rief der Greis in ängstlicher Erwartung.

»Ich liebte den Sonnenschein, die Vögel und die Blumen,« antwortete sie, »denen gab ich die Perlen alle dahin. Die Schnur ist leer.«

Da blickte der Greis Eva traurig an, »Nun bleibe ich alt und arm. Jede Perle, die sich allmorgendlich von der Schnur löste, war ein Tag Deines Lebens und Dein Leben bin ich. Sagte Dir Niemand, dass Du mir angehörtest?«

»Ich kannte Dich nicht.«

»Und dennoch war ich bei Dir, obgleich Du mich nicht sahst. Jede Perle war ein Teil von mir. In der einen war meine Jugend, in der anderen meine Schönheit, in der dritten das Wissen, die Erkenntnis: alles, was dem Menschen Liebe erwirbt, Achtung und Verehrung. All und jedes Glück, das den Menschen selig macht, war in jene Perlen eingeschlossen. Du hast sie achtlos fortgeworfen, dahingegeben für eitles Spiel, für flüchtige Freuden kurzer Jugendzeit. Hättest Du die Perlen sorgsam behütet, die abfallenden wieder aufgereiht … unsere Hütte wäre ein Wunderschloß geworden, der wüste Strand ein Garten des Paradieses. Hold, wie Deine Kindheit, hätte sich Dein Leben gestaltet. Blicke mich an und sage, was ich nun bin?«

Eva schlug die Augen nieder, ein Seufzer entrang sich ihrer Brust. »Lass mich ziehen,« sprach sie tonlos. »Mir bricht das Herz, wenn ich Dich sehe.«

»Wir sind aneinandergebunden, bis der Tod uns trennt,« sagte das Leben, »und müssen beide das Elend tragen, das Du bereitet hast.«

»Wo ist der Tod?« fragte Eva leise.

»Siehst Du dort im Meere den kleinen dunklen Punkt, der sich deutlich von der glühenden Abendwolke abhebt? – Das ist die Insel des Todes.«

»Ich will zu ihm,« sagte Eva.

»Bist Du meiner überdrüssig?«

»Habe ich gefehlt,« rief Eva, »so lass mich büßen. Ich will den Tod aufsuchen.«

In den Augen des Greises leuchtete es freudig auf. Dann sagte er: »Wir wollen zur Toteninsel fahren.«

Das Leben schob den morschen Kahn, der auf dem Strande lag, in das Meer. Eva stieg ein und schweigend tauchte der Greis die Ruder in die Wellen.

Langsam nur trieb das Fahrzeug. Die Sonne war schon untergegangen, aber der Himmel lohte noch flammend, in wunderbarer Pracht.

Der Punkt, auf den der Kahn zusteuerte, ward allmälig größer und nahm bestimmtere Formen an. Bald sah Eva, dass sie sich einer Felseninsel näherten, die sich einsam aus dem Meere erhob. Steil ragten die Klippen auf, die einen Halbkreis bildeten und schroff wie unzugängliche Mauern emporstrebten. Hohe Zypressen standen ernst und düster in dem Halbkreise und regten sich kaum in dem Abendwinde. Das Boot kam näher, es legte an einer kleinen Treppe aus Felsgestein an. »Wir sind zur Stelle,« sagte das Leben, »was willst Du beginnen?«

»Den Tod anrufen, dass er uns scheide,« entgegnete sie. »Dein Anblick ist mir steter Vorwurf. Ich ertrage ihn nicht. Freundlicher als Du ist der Tod.«

Das Leben verhüllte sein Antlitz mit den abgezehrten Händen.

Eva stieg aus und betrat die Insel des Todes. Alles war still und stumm, nur das Pochen ihres Herzens vernahm sie. Auf dem Felsenwege schritt sie vorwärts, bis sie an ein Gitterthor gelangte, das den Eingang zu einer dunklen Schlucht versperrte, die in das Innere des Felsens führte. Eva rüttelte an den ehernen Stäben. Das Thor blieb verschlossen. »Tod,« rief sie, »ich suche Dich, lasst mich ein!« Kein Wiederhall ward laut, wie Angst des Schweigens lag es über dem Eiland. Aufs Neue erschütterte Eva das Gitter, heftiger, dringlicher als zuvor. Da erklang es aus der Tiefe: »Öffne die Pforte des Todes nicht. Weiche zurück!«

»Ich habe meine Jugend verloren,« rief Eva, – »freudlos ist mein Dasein. Du linderst alles Weh. Nur bei Dir finde ich Glückseligkeit.«

Ein wildes Lachen erscholl aus den Lüften.

»Spottet das Leben meiner?« fragte Eva. »Neidet es mir die Befreiung aus Not und Weh?« Und laut rief sie: »Schließe Dich auf, Du dunkle Pforte, und lasst mich ein!« Wieder ertönte die Stimme: »Kennst Du den Tod? Hast Du Muth, ihm ins Auge zu schauen?«

»Ich trotze dem Leben, der Tod schreckt mich nicht.«

Ein wilder Windstoß fuhr durch die Gipfel der Zypressen, schwarz überzog sich der Himmel und mit lautem Krachen sprang das Thor auf. Aus der Höhle hervor trat eine finstere Gestalt. »Komm,« sprach sie, »dass ich Dich zum Tode geleite. Ich bin die Verzweiflung, ohne mich findest Du ihn nicht.«

Eva fühlte, wie die Gestalt sie mit unwiderstehlicher Gewalt ergriff und fortzuziehen suchte. Eiskalt durchrieselte es sie.

»Noch nicht, noch nicht,« bat Eva. – »Du bist mein, vorwärts.« – »Nur einen Augenblick gönne mir, noch erlosch nicht das letzte Abendroth. Wie war die Erde so schön.« – »Du zitterst?« – »Einen Wunsch gewähre mir, lasst mich Abschied vom Leben nehmen; dann folge ich Dir willig.« Langsam löste die Verzweiflung ihre packende Hand und hastig eilte Eva der Felsentreppe zu.

Gramvoll gebeugt saß der Greis auf der Ruderbank des gebrechlichen Nachens. Müde hingen die mageren Arme herab und aus den wehdurchfurchten Zügen sprach seelenverzehrende Hoffnungslosigkeit. So sah ihn Eva und unsägliches Herzeleid erfasste sie. Sie wollte sprechen, aber die Stimme versagte. – »Bist Du es?« fragte das Leben, »was willst Du von mir Armseligem?«

»Verzeihe, o verzeihe!« schluchzte Eva.

»Was soll Dir meine Verzeihung?« entgegnete das Leben. »Du bedarfst ihrer nicht bei dem Tode. Denn der Tod ist das Nichts.«

Da überkam Eva ein leeres Entsetzen, schaudernd sank sie auf die Knie und umklammerte das Leben heiß und inbrünstig. »Rette mich vor der Verzweiflung, sie reißt mich zu dem Furchtbaren,« flehte Eva. »Vergib, vergib, nimm mich mit Dir. Ich will Dir dienen, wie ich nur vermag, ich will suchen, die Perlen wieder zu finden, die ich mutwillig dahingab. Nur verzeihe mir, Du Armer, vergiss, dass ich Dich kränkte.«

Der Greis beugte sich zu ihr herab und küsste sie auf die Stirn. »Du wolltest für mich sterben; Du wirst jetzt für mich leben,« sprach er. »Deine Jugend hast Du verloren, für immer, unwiederbringlich; die Tage der Kindheit sind mit den Perlen zerronnen und kehren nicht zurück, das Suchen ist vergebens. – Grauet Dir aber vor dem Elend, das uns erwartet … noch ist es Zeit, die Pforte des Todes ist geöffnet.«

»Ich bleibe bei Dir,« sprach Eva. »Mit Dir lass mich das Elend tragen, den Kummer und die Sorge. Ich will Dich lieben.«

Da veränderten sich die Züge des Lebens. Aus seinen Augen blitzte es jugendlich, die Runzeln verschwanden, dichtes Lockenhaar deckte den Scheitel, die gebrochene Gestalt des Greises gewann das Aussehen eines blühenden Jünglings.

»Nun erst bin ich ganz Dein,« rief der Jüngling, »nun, da Du mich liebst, hast Du meinen Wert erkannt. Heil Dir, dass Du der Verzweiflung nicht folgtest, denn vor uns liegen viele Tage und Jahre, so reich wie die Perlen an der Schnur, die Du besessen hast. Jeder Tag soll uns ein Schatz sein, Gutes und Schönes zu schaffen, und den Menschen Freude zu bereiten, die mit uns leben.«

Der Nachen steuerte dem Ufer wieder zu. Die Insel des Todes wurde immer kleiner und kleiner, bis sie zuletzt nur einem Punkte glich, und der verschwand auch im Meere.

Als das Boot landete, sah Eva an dem Strande farbenprangende Blumen, schattige Bäume, wundervolle Alleen und Laubgänge. Wo die Hütte gestanden hatte, erstrahlte ein Palast aus Gold und Marmorstein und staunend schritt Eva an der Hand des Lebens dem Palaste zu. »Wie schön bist Du,« sprach sie, »und wie herrlich ist Alles, was mein Auge erblickt. Welches Wunder geschah, dass die ärmliche Hütte und der traurige Strand sich also verwandelten?«

»Es ist nichts anders geworden,« antwortete der Jüngling, »nur Dein Auge ward hellsichtig. Die Schrecken des Todes lehrten Dich das Leben lieben; Du siehst jetzt Alles mit dem Auge der Liebe.« –

Die Sonne war aufgegangen, die Vögel sangen in den Zweigen und auf den Blumen wiegten sich buntfarbige Schmetterlinge. »Euch gab ich die Perlen, als ich das Leben noch nicht kannte,« sprach Eva, »Ihr wart mir sogar lieber als das Leben. Singt, flattert und blüht, Gespielen meiner Kindheit, ich will Euch schützen und pflegen und mich Eurer erfreuen, aber meine Tage gehören Euch nicht mehr, die sind dem Leben eigen, zu dem ich von der Pforte des Todes zurückkehrte. Mir war ein kostbarer Schatz gegeben, ich achtete seiner nicht. Verlorene Jugend, lehre mich das Leben werthalten und lieben, dass ich es nicht verliere, wie die Perlen der Schnur, die ich einst besaß!« Da sangen die Vögel ein Lied von der verlorenen Jugend, um Eva daran zu erinnern, dass sie das Leben treu und innig liebe, und wenn die Blumen am Morgen sich öffneten, lag in ihren Kelche eine klare Thauperle, dass Eva der Perlenschnur gedenke. Die Schmetterlinge flogen herbei und setzten sich oft auf ihre Hand, damit sie der Vergangenheit nicht vergäße, in der sie mit einander spielten, und der Sonnenschein kam und breitete auf den Wegen einen Lichtteppich aus, wenn Eva selig durch den Garten des Lebens wandelte.

 

Julius Stinde, 1895

Gräfin Marie von Kalckreuth zugeeignet.

Quelle: gutenberg.spiegel.de